Morbach’s Klassik Musik Laden (83–84)

83: Corvus Corax vs. Omnia
In der Musik des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine bemerkenswerte Sehnsucht nach dem Mittelalter. Während die in der Szene der Alten Musik verwurzelten Ensembles nach einem historisch möglichst genauen Klangbild streben, versuchen diejenigen, die sich stilistisch eher in der Pop- und Rockmusik verwurzelt fühlen, klanglich archaische Erscheinungsformen der Musik zu rekonstruieren. Der Bezug zu musikalischer Überlieferung aus dem Mittelalter spielt zwar eine gewissen Rolle, jedoch stehen einem zumeist Neuschöpfungen vor Ohren, wobei die einschlägige archaische »Anmutungsqualität« mit ganz unterschiedlichen musikalischen Mitteln bewirkt wird. Bei der Berliner Band Corvus Corax leistet dies der markante Klang von Dudelsäcken, Schalmeien und einem umfangreichen Schlagwerk. Omnia bevorzugt zu diesem Zweck prägnante Melodien und einfache Techniken des mehrstimmigen Musizierens.

Montag, 28.9. • Dienstag, 29.9. • Donnerstag, 1.10. • Freitag, 2.10.:
jeweils 12–14 Uhr • Mittwoch, 30.9.: 18–20 Uhr

84: »Top-Keyboarder«: Andreas Staier & Roland Götz

Diese beiden Künstler haben zwei Jahrzehnte lang meine Arbeit als Redakteur und Moderator im Sender Freies Berlin begleitet. Ich habe mit ihnen viele Projekte realisiert, vor allem live moderierte öffentliche Konzerte aber auch etliche Sendungen in meinen nachmittäglichen Standardterminen mit Alter Musik. Was Repertoire und Instrument betrifft, so gibt es zwischen diesen beiden Interpreten eine Schnittmenge: die Barockzeit und das Cembalo. Während sich das Interesse von Roland Götz auf Mittelalter und Renaissance erstreckt und sein zweites Instrumentales Standbein die Orgel in ganz unterschied-lichen historischen Formen ist, greift Andreas Staier über die Wiener Klassik hinaus in die Zeit der Romantik, wobei er hier auf historisch parallele Typen des Hammerklaviers zurückgreift. Eine unmittelbarer Vergleich von Staier und Götz wird dadurch möglich, dass beide 2001 eine CD mit Musik von William Byrd veröffentlicht haben.

Dienstag, 29.9.: 18–20 Uhr • Mittwoch, 30.9.: 12–14 Uhr •
Donnerstag, 1.10.: 22–24 Uhr • Freitag, 2.10.: 18–20 Uhr • Sonntag, 4.10.: 22–24 Uhr

Morbach’s Klassik Musik Laden (81–82) »Besonderes – Sonderbares – Rares« Musik aus Mittelalter, Renaissance Barock und neuerer Zeit aufgefunden in meiner Diskothek

Als Redakteur und Moderator im Bereich »Alte Musik« wurde ich viele Jahre mit Tonträgern (zuerst Schallplatten, dann CDs) »bemustert«. Um diese einigermaßen systematisch zu erfassen, bietet sich eine Archivierung nach Komponisten, musikgeschichtlichen Epochen, Ländern oder besonderen Musikmetropolen an. Viele Veröffentlichungen entzogen sich jedoch einer solchen »Schubladierung«. Diese CDs – es sind einige hundert – landeten in einer Art »Kruschtelkiste«. Bei einer Sichtung derselben habe ich festgestellt, dass es sich meist um hochinteressante und hochqualitative Produktionen handelt und insgesamt um Musik, die heute kaum noch eine mediale Präsenz hat. Aufgrund der geschrumpften Etats der Phonoindustrie und der Tendenz, nur noch »Mainstream« anzubieten, wird solch »randständiges Repertoire« selten.

Sendung 81:
Montag, 21.9. • Dienstag, 22.9. • Donnerstag, 24.9. • Freitag, 25.9.:
jeweils 12–14 Uhr • Mittwoch, 23.9.: 18–20 Uhr
Sendung 82:
Dienstag, 22.9.: 18–20 Uhr • Mittwoch, 23.9.: 12–14 Uhr •
Donnerstag, 24.9.: 22–24 Uhr • Freitag, 25.9.: 18–20 Uhr •
Sonntag, 27.9.: 22–24 Uhr

Allclassic.Berlin Morbach’s Klassik Musik Laden (79–80)

79: Johann Sebastian Bach – non stop

Brandenburgisches Konzert Nr. 1 F-Dur BWV 1046
Academy of Ancient Music • Richard Egarr
Magnificat D-Dur BWV 1042
La Capella Reial de Catalunya & Le Concert des Nations • Jordi Savall
Passacaglia c-moll BWV 582 • Toccata, Adagio & Fuge C-Dur BWV 564
Johann-Andreas Silbermann-Orgel im Dom zu Arlesheim • Bernhard Klapprott
»Zerreißet, zersprenget, zertrümmert die Gruft«
Bach Collegium Japan • Masaaki Suzuki

Montag, 14.9. • Dienstag, 15.9. • Donnerstag, 17.9. • Freitag, 18.9.:
jeweils 12–14 Uhr • Mittwoch, 16.9.: 18–20 Uhr

80: Georg Friedrich Händel – non stop

The Four Coronation Anthems
The Choir of New College Oxford & The King’s Consort • Robert King
Orgelkonzert g-moll op. 4 Nr. 1
Academy of Ancient Music • Richard Egarr, Orgel & Leitung
English Arias
James Bowman, Countertenor & The King’s Consort • Robert King
Water Music HWV 348-1759
Hannoversche Hofkapelle • Anne Röhrig

Dienstag, 15.9.: 18–20 Uhr • Mittwoch, 16.9.: 12–14 Uhr •
Donnerstag, 17.9.: 22–24 Uhr • Freitag, 18.9.: 18–20 Uhr • Sonntag, 20.9.: 22–24 Uhr

Morbach’s Klassik Musik Laden (77–78) »Hits« der Frühen Musik

Aus den Bereich der »normalen« klassischen Musik ist man es ja gewohnt, dass besonders berühmte Kompositionen in einer kaum zu überblickenden Anzahl von Aufnahmen auf dem Markt sind. Bei Musik aus der Zeit vor 1700 sieht die Situation ganz anders aus. Mehrfacheinspielungen sind vergleichsweise selten. Ausnahmen bilden etwa die Opern Dido und Aeneas von Henry Purcell und L’Orfeo von Claudio Monteverdi, die Marinevesper des letztgenannten Komponisten sowie vielleicht noch die Missa Papae Marcelli von Palestrina. Für zwei Werksammlungen haben sich jedoch die Ensembles über die Jahrzehnte immer wieder interessiert: für die Musik im Llibre vermell de Montserrat aus dem 14. Jahrhundert und für die 1612 veröffentliche Tanzsammlung Terpsichore von Michael Praetorius. In meiner Diskothek – die sicher in dieser Hinsicht nicht vollständig ist – befinden sich jeweils 10 Einspielungen, die ich in den beiden Sendungen in dieser Woche vergleichen möchte.

77: El Llibre vermell de Montserrat

Das »Rote Buch von Montserrat«, so benannt nach dem roten Einband, den diese mittelalterliche Handschrift allerdings erst im 19. Jahrhundert erhielt, führt uns an eine bedeutende Pilgerstätte im nördlichen Spanien, auf den »zersägten Berg«, westlich von Barcelona. Sein Inhalt ist ein äußerst vielfältiger. Er betrifft Pilgerfahrt, Pilgerstätte, die Ordnung der Liturgie und enthält – als eine Art Anhang – eine musikalische Aufzeichnung, die uns singuläre Musik aus dem mittelalterlichen Spanien präsentiert. Es sind zehn ein- bis dreistimmige Vokalkompositionen zu Ehren der Jungfrau Maria – teils in katalanischer, teils in lateinischer Sprache –, die man als Pilgerlieder bezeichnen kann, allerdings nur im weiteren Sinn, da einige sicher für die Ausführung durch die professionellen Musiker des Klosters bestimmt waren. Über diese Lieder merkt der Schreiber des Buches Folgendes an: »Da es vorkommt, dass die Pilger, die Nachtwache in der Kirche der heiligen Maria halten, singen und tanzen wollen, und dies auch tagsüber auf dem Kirchplatz, und dort nur sittliche und anständige Lieder singen dürfen, sind einige hier niedergeschrieben. Diese sollten mit Rücksicht und Mäßigung verwendet werden, ohne Störung für jene, die ihre Gebete und Kontemplationen fortführen möchten.«

Montag, 7.9. • Dienstag, 8.9. • Donnerstag, 10.9. • Freitag, 11.9.:
jeweils 12–14 Uhr • Mittwoch, 9.9.: 18–20 Uhr

77: Terpsichore, musarum aoniarum quinta (1612)
Wie das Titelblatt besagt, präsentiert die Terpsichore (die Muse des Tanzes) des Michael Praetorius, der 1604 Hofkapellmeister in Wolfenbüttel wurde, »französische Däntze«; es sind insgesamt 312 in vier- bis sechstimmigen Sätzen, unter anderem 162 Couranten, 48 Volten und 23 Gaillarden. 78 Sätze stammen von Pierre-Francisque Caroubel, der Geiger am Hof von Wolfenbüttel war. Möglicherweise hat er für die Edition die meisten Tanzmelodien als Basismaterial angeliefert, die, wie Praetorius anmerkt, »in Frankreich von Tanzmeistern gespielt werden«. Die Sätze sind nicht mit Angaben zur Instrumentation verbunden. In der Vorrede empfiehlt Praetorius lediglich Streichinstrumente und Laute, in einzelnen Fällen auch ein Krummhorn. Heutige Interpreten hingegen bevorzugen ein möglichst farbiges Instrumentarium, wobei all jene Instrumententypen zum Einsatz kommen, die im frühen 17. Jahrhundert gebräuchliche waren. Dass Praetorius eher eine dezente Klanggestalt im Ohr hat, hängt sicher auch mit der von ihm empfohlen Verwendung der Tänze »für fürstliche Tafeln / oder nur ›in convivius einzig zum Vergnügen« zusammen.

Dienstag, 8.9.: 18–20 Uhr • Mittwoch, 9.9.: 12–14 Uhr •
Donnerstag, 10.9.: 22–24 Uhr • Freitag, 11.9.: 18–20 Uhr • Sonntag, 13.9.: 22–24 Uhr